Verena Rein · master classes
Zwei Welten stehen sich gegenüber
Zwei Welten stehen sich gegenüber
Edwin Geist – die Wiederentdeckung eines vergessenen KomponistenBesuchen Sie auch die Internetseiten der
Internationalen Edwin Geist Gesellschaft
Angefangen hatte alles mit dem Buch „Unerhörte Rettung –
Die Suche nach Edwin Geist“ von Reinhard Kaiser, erschienen
im Schöffling Verlag, 2004.
In diesem Buch trug der Autor in akribischer Kleinarbeit
alles zu der Zeit Mögliche zusammen, um das Leben des 1902
in Berlin geborenen und 1942 im litauischen Kaunas von den
Nazis ermordeten Komponisten nachzuzeichnen.
Die Geschichte Edwin Geists und besonders seine anrührende
Liebe zu der litauischen Pianistin und seiner späteren
zweiten Frau Lyda Bagriansky wurde dann auch von Presse und
Radio viel beachtet, wegen ihrer Tragik bedauert und
kommentiert, aber die Musik des Komponisten fand keine
Beachtung.
Zum einen war dies auch kaum möglich, denn die
Notenmanuskripte wurden von dem litauischen Dirigenten
Juozas Domarkas in Vilnius gehütet und zum größten Teil
nicht herausgegeben, zum anderen glaubten einzelne
Rezensenten, die Musik auch ungehört beurteilen zu können
und behaupteten, der Komponist sei wohl „kein Großer“
gewesen.
In Litauen hingegen sind Edwin Geist und seine Musik
mindestens seit den 1970er Jahren bekannt, denn Juozas
Domarkas führte einige seiner Orchesterwerke und die
„Kleine deutsche Totenmesse“ mehrfach auf. 2002 zum
hundertsten Geburtstag des Komponisten schließlich wurde
ebenfalls auf Initiative des Dirigenten hin, das
Musikschauspiel „Die Heimkehr des Dionysos“ im russischen
Theater in Vilnius uraufgeführt. Zu diesem Ereignis kamen
erstmalig auch deutsche Sachverständige – Vertreter der
deutschen Botschaft waren ebenfalls anwesend – aber leider
war die musikalische Qualität der Aufführung so schlecht,
dass es zu negativen Vorverurteilungen der Musik Edwin
Geists kam.
Als im Herbst 2005 Juozas Domarkas erstmals Kopien der
meisten Werke aushändigte, wurde es endlich möglich, das
Werk des Komponisten zu studieren und objektiver zu
betrachten.
Dabei kamen neben seinen Orchesterwerken und ganz besonders
dem Musikschauspiel, auf das Edwin Geist mit vielen anderen
Kompositionen hingearbeitet hatte und auf welches später
noch näher eingegangen wird, auch einige Kammermusikwerke
und Lieder zutage, die eine sehr individuelle Tonsprache
aufweisen.
Dank der großen Unterstützung und Initiative des Deutschen
Kulturforums östliches Europa mit Sitz in Potsdam, konnte
2006 dann eben dieses kleine, sehr expressive,
klangmalerische vokal-kammermusikalische Werk als
deutsch-litauisches Gemeinschaftsprojekt eingespielt
werden: ein erster Schritt zur Bekanntmachung und
Verbreitung der Musik Edwin Geists. Kürzlich ist die CD mit
dem Titel „Edwin Geist – Kammermusik und Lieder“ bei der
Potsdamer Bibliothek östliches Europa, Musik erschienen, in
der Oktober-Ausgabe der nmz findet sich eine ausführliche
Besprechung.
Die Musiker der CD-Einspielung (Verena Rein - Sopran, Peter
Schöne - Bariton, Axel Bauni - Klavier und das litauische
Chordos Quartett) unternahmen - veranstaltet vom Deutschen
Kulturforum östliches Europa und dem Goethe Institut in
Vilnius - im Juni 2007 eine Konzertreise durch Litauen, um
auf die bevorstehende CD-Neuerscheinung hinzuweisen und um
die Musik Edwin Geists im Kontext mit jener von
Zeitgenossen (Erwin Schulhoff, Victor Ullmann, Paul
Hindemith und Juozas Gruodis) vorzustellen. So gelang es
mit diesem Konzertprogramm, den Komponisten aus der
ausschließlich auf Betroffenheit fußenden Beachtung zu
befreien und seine Musik in den Vordergrund zu stellen. Das
Resultat war beachtlich: die Expressivität und die
klanglichen Besonderheiten der Musik Edwin Geists wurden
von Fachpublikum und Musikliebhabern, die den Komponisten
noch nicht kannten, sofort bemerkt und diskutiert, das
Interesse an seinem Werk und auch die Neugier auf das
Orchesterwerk, von dem eine individuelle Instrumentation
erwartet wurde, war geweckt.
Inzwischen gibt es weiterreichende Vorhaben: gemeinsam mit
der Terezin Chamber Music Foundation mit Sitz in Boston,
USA werden derzeit für die Saison 2008/09 Konzerte in
Boston und New York geplant. Zu verdanken ist diese
Initiative der einzigen noch lebenden Verwandten Edwin
Geists, Rosian Zerner, die in Boston lebt und intensiv die
Bekanntmachung der Musik des Komponisten in den USA
vorantreibt.
Des Weiteren plant das Deutsche Kulturforum östliches
Europa für die gleiche Saison Konzerte an allen
Wirkungsstätten des Komponisten außerhalb Litauens: Berlin,
Stettin und Zürich. In den beiden letztgenannten Städten
arbeitete Geist als Kapellmeister und Korrepetitor.
Darüber hinaus sollen nun auch die Werke in größerer
Besetzung aufgeführt und eingespielt werden. Hierfür sucht
das Deutsche Kulturforum östliches Europa
Kooperationspartner. So soll die „Kleine deutsche
Totenmesse“ dazugehören, die Edwin Geist 1940 in Kaunas im
Gedenken an seine im gleichen Jahr verstorbene Mutter
komponierte, an deren Begräbnis er nicht mehr teilnehmen
konnte. Es handelt sich um ein fünfteiliges
durchkomponiertes Werk auf Texte des Komponisten (Chor der
Toten an die Lebenden - Totentanz - Wie sollte ich nicht
weinen - Fugato - Chor der Lebenden an die Toten, Amen) von
nur 15 Minuten Dauer für Orchester, Sopran- und Tenorsolo,
Knabenstimmen und gemischten Chor:
Sehr eindringlich im dunklen Pianissimo beginnt das Requiem
über einem Streicherteppich mit den Hörnern und Trompeten,
der Choreinsatz ebenfalls im Pianissimo folgt einer
aufsteigenden Linie „Wir sind da jederzeit, wir sind nah
allem Leid“. Der nachfolgende Imperativ – „folge!“ wird von
den Tenören und Bässen quasi rezitativisch im Abstand einer
leeren Quinte deklamiert, welches von großer
Unerbittlichkeit zeugt und jeden weiteren Satz dieses Teils
der Totenmesse, sich nach und nach in die Alt – und
Sopranstimmen weiter ausdehnend und in lange Haltetöne
expandierend, abschließt. Über einen Klagegesang der
Holzbläser erhebt sich mehr und mehr das gesamte Orchester
und mündet über ein großes Crescendo in den Finalsatz: „Uns
der Sieg – über Stund’ unterlieg – geweihter Mund, folge!
Der anschließende Totentanz – ein Orchesterzwischenspiel,
von Geist im Untertitel als „memento mori“ bezeichnet,
beginnt mit einem kurzen Rufmotiv der Klarinette, das
echoartig von verschiedenen Bläsern, Glockenspiel und
schließlich auch Streichern fortgeführt wird. Es folgt ein
grotesk anmutender Tanz mit eindringlichen
Staccato-Passagen, abgelöst von einer Geigenkantilene, die
sich tröstend (von Geist als Spielanweisung für die
Solo-Violine mit „lockend“ bezeichnet) erhebt und von
anderen Instrumenten aufgegriffen wird. Das Chorthema des
ersten Teils scheint gleichsam aus dem Streicherklang
aufzutauchen und sich langsam auch in die Bläserstimmen
fortzusetzen, um dann über Zitate aus dem grotesken Tanz
zurückzukehren in das Rufmotiv des Anfangs.
Aus diesem Motiv entsteht eine triolische Bewegung
beginnend in der I. Violine, die den gesamten dritten Teil
durchzieht, von Geist näher bezeichnet mit „im Volkston“.
Die schlichte und gerade dadurch so berührende Melodie des
Tenor-Solos „Wie sollte ich nicht weinen“ vermittelt subtil
die Trauer des verlassenen Menschen, der Einsatz von
Knabenstimmen „Jetzt schweigen uns’re Sorgen, gesiegt hat
ja der Tod“ unterstreicht diesen Eindruck durch den hellen
engelartigen Klang, der tröstend und Angst einflößend
zugleich erscheint. Den Schluss dieses Teils bildet
wiederum das schleppend aufsteigende Chorthema des Anfangs
zunächst in den Streichern, um dann im Pianissimo in den
Hörnern beinahe stehenzubleiben - ein Verlöschen.
Im anschließenden Fugato, das von den tiefen Streichern in
abgehackt fortschreitenden Tonketten eingeleitet wird,
wechseln sich Männer- und Frauenstimmen ab. Ein Sopran-Solo
greift die Tonketten aus den Streichern in sehr hoher Lage
im Legato auf und fragt so nach Raum und Zeit, welches die
Ohnmacht des Menschen vor dem Werden und Vergehen
eindringlich illustriert. Im Chor der Lebenden an die Toten
benutzt Geist das Material des Chors der Toten an die
Lebenden und fügt diesem ein Trauermarsch-Ostinato hinzu.
Über ein großes Crescendo endet dieser letzte Teil in einem
dreifachen Forte, gefolgt von einer Generalpause, der sich
quasi als Coda das Amen in dreifachem Piano anschließt und
auf einem B-Dur Akkord tröstend und annehmend endet.
Das zentrale Werk Edwin Geists ist sein Musikschauspiel in
drei Akten (7 Bildern) „Die Heimkehr des Dionysos“. Der
Komponist suchte nach einer neuen Kunstgattung, „die
einerseits dem reinen Sprechdrama eng verwandt ist, während
sie auf der anderen Seite von Oper und Musikdrama die
bedeutungsvollsten Anregungen empfangen hat.“¹
Darum nannte er sein Werk auch Musikschauspiel und nicht
Oper und übernahm die Dichtung - der Komponist war
ebenfalls schriftstellerisch tätig - selbst. Geist
beschreibt den Kerngehalt seines Werkes so: „In meiner
„Heimkehr des Dionysos“ stehen sich zwei Welten gegenüber,
die Dionysisch-Apollinische und eine rationale, die des
kriegerischen Königs Pentheus, der als amusischer
„Zahlenmensch“ den Liebling des Volkes, den Künstler
Dionysos bekämpft. Pentheus wird mit einem
Schauspieler/Sprecher besetzt, wodurch sich von vornherein
rezitativische Stilelemente in melodramatische wandeln. Das
Melodram also, jene bisher missverstandene und oft
geschmähte künstlerische Äußerung, tritt hier wieder in
sein Recht, mitunter als gleichsam mehr konzertanter,
geistiger Ausdruck, im Gegensatz zum gefühlsmäßigen Arioso.
(...) Am Schluss des Werkes stehen sich beide Welten, die
des verstandesmäßigen Wortes und die des Tones, noch einmal
gegenüber, deren organisches Zusammengehen Aufgabe und Ziel
meiner künstlerischen Bemühungen ist, um eine Unio mystica
zu bilden.“² Neben dem von Geist genannten Pentheus, treten
als Hauptpersonen Bakchos (Dionysos) als Mensch, Teiresias
(ein blinder Seher) und Apolloneia (Schwester des Pentheus)
auf. Die drei letztgenannten erfordern sehr gute
Sänger-Schauspieler, da diese sowohl anspruchsvolle
Gesangspartien, als auch längere Sprechszenen bewältigen
müssen. Zwölf weitere kleinere Rollen müssen mit Sprechern
bzw. Sängern besetzt werden, es gibt größere Chorszenen und
es werden für die dionysisch-apollinische Tanzpantomime des
dritten Aktes Tänzer benötigt. Des Weiteren ist ein groß
besetztes Orchester erforderlich. Edwin Geist verwendet in
der „Heimkehr des Dionysos“ die Leitmotivtechnik - jedoch
in abgewandelter Form. Er benutzt sie weniger für
Personencharakterisierungen als vielmehr für die
Darstellung von Weltanschauungen, die mit den betreffenden
Trägern der Handlung verbunden sind. „Die Mehrzahl der
Themen ist auf den eigentlichen Dionysos-Ruf
zurückzuführen, der in all seinen kontrapunktischen
Veränderungen auf fast jeder Seite der Partitur erklingt.“³
Die eigentliche Uraufführung des Werkes steht noch aus,
denn in der eingangs erwähnten Inszenierung im russischen
Theater in Vilnius wurden die originalen deutschen
Sprechszenen ins Litauische übersetzt, die Gesangszenen
wurden im Deutschen belassen. Ein Sachverhalt, der dem
litauischen Publikum natürlich entgegenkam, aber dem
engagierten Anliegen des Komponisten völlig zuwider läuft.
Um eine Aufführung in Deutschland realisieren zu können,
sind noch viele Anstrengungen zu unternehmen, die jedoch
lohnend sind, denn es handelt sich um ein sehr
geschlossenes, vielschichtiges Werk von starker
dramatischer Ausdruckskraft und individueller Tonsprache.
Verena Rein
Fußnoten 1, 2 u. 3: Zitate des Komponisten aus der
Einführung zum Musikschauspiel „Die Heimkehr des Dionysos“.
Interessenten für eine Kollaboration bzgl. der
Aufführung und Einspielung der Werke in großer Besetzung
Edwin Geists, mögen sich bitte mit dem Deutschen Kulturforum
östliches Europa oder mit der Autorin in
Verbindung setzen.




