Verena Rein · master classes
Zungentechnik beim Gesang?
Zungentechnik beim Gesang?
„...Mein
Stimme klinge, mein Zunge singe...“
(Verszeile eines Liedes von Valentin Rathgeber aus:
„Augsburger Tafelkonfekt“ 1737)
Für viele eine ungewöhnliche oder sogar
negativ besetzte Vorstellung – ein Tabu.
Bei den Blasinstrumenten eine obligatorische Technik zur
Artikulation (wenn auch naturgemäß sehr verschieden vom
Gesang), wird Zungentechnik über bestimmte
Haltungsvorschriften hinaus in der Gesangsausbildung nicht
unterrichtet, zu viel Aufmerksamkeit auf die Arbeit des
Zungenmuskels wird oft gar als schädlich angesehen, da dies
zu Versteifungen führen könne:
„...Zungenmethoden für alle ist mechanistische
Vergewaltigung.“
(Zitat aus „Der wissende Sänger“ von Franziska
Martiessen-Lohmann 1956/63)
Man ist sich zwar einig, dass die Zunge beim Singen locker
und beweglich sein muss, doch soll dies möglichst nicht
bewusst geschehen. Für die Höhe gilt dann zumeist die
Vorschrift, die Zunge flach zu legen und die jeweiligen
Vokale im Stimmsitz zu imitieren:
„...Vom hohen Übergang an muss die Zunge flach hingelegt
werden. Das i wird nur noch durch die „Schärfe“ des Tones
im Stimmsitz imitiert...“
(Zitat aus „Singen lernen? Aber logisch!“ von Renate
Faltin, 1999)
oder:
„...Das Vorneliegen der Zunge beim Singen ist eine sehr
alte, anerkannte und scheinbar obligatorische
Gesangsvorschrift. Die Tatsache, dass wir berühmte Sänger
hatten und haben, deren Vokalschönheit durch sichtlich
falsche Zungenhaltung (hoch- und schräg-gestellt) nicht
beeinträchtigt wurde und wird, führt nun durchaus nicht die
Forderung des Vorneliegens etwa ganz ad absurdum...“
(Zitat aus „Der wissende Sänger“ von Franziska
Martiessen-Lohmann, 1956/63)
Vehement vertreten die Verfasser des folgenden Zitates die
Ansicht, dass der Zunge keine besondere Rolle bei der
Gesangstechnik zukommen darf:
„...Unbegreiflich ist auch der Satz: ‚Die Haltung der Zunge
beherrscht die Arbeit des Kehlkopfes.’ Die Zunge darf der
Kehle keinerlei Hilfe leisten, sie ist lediglich Mitformer
bei der Bildung der Sprechlaute und gute Sänger wussten das
auch immer schon...“
(Zitat aus „Singen“ von Frederick Husler und Yvonne
Rodd-Marling, 1965)
Noch 2002 wird Folgendes postuliert:
„...Eine alte Anweisung besagt: Die Zungenspitze liegt zur
Vokalisation (und nach Beendigung gewisser Laute sofort
wieder) vorne, lose und ohne zu drücken an den unteren
Schneidezähnen oder seitlich am unteren Zahnkranz...“
(Zitat aus „Stimme und Gesang“ Handbuch der
Gesangsdidaktik, 2002)
Diese Liste ließe sich noch lange weiterführen. Es scheint,
dass eine über Jahrzehnte befolgte „Vorschrift“ nicht oder
nur unzureichend hinterfragt wird, obwohl das Festhalten an
dieser „Methode“ unüberhörbar Stimmschäden zur Folge hat.
Als stimmwissenschaftlich erwiesen gilt mittlerweile, „dass
durch die flach gehaltene oder nach hinten gezogene Zunge
Druck auf die Stimmbänder ausgeübt wird und der
Hauptresonator (Pharynx) mit dem hinteren Teil der Zunge
verstopft wird.“1
Eigentlich handelt es sich bei der im Folgenden
beschriebenen Gesangstechnik mit gewölbter statt flach
gelegter Zunge um ein altes Wissen, das seinen Ursprung in
der altitalienischen Schule hat und leider mehr und mehr
auszusterben droht, obwohl die neueste Stimmwissenschaft
dieses alte Wissen bestätigt:
„...Die Stimmwissenschaft steht als eindeutiger Beweis
dafür, dass die Zunge vorgewölbt und aus dem hinteren Teil
der Kehle herausgebracht werden sollte, um den Stimmbändern
das freie und natürliche Vibrieren zu ermöglichen und den
Hauptresonator (Pharynx) zu öffnen. Es ist von äußerster
Wichtigkeit, dass der Grund der Zunge und der Kehlkopf
voneinander unabhängig werden...“2
Ausgehend von diesen und weiteren Erkenntnissen entwickelte
der Bulgarische Tenor, Stimmforscher (seit 40 Jahren) und
Gesangspädagoge Peter Gougaloff ein spezielles
Vokal-(Zungen-)training, das es dem Sänger ermöglicht,
durch alle Register seiner Stimme in freie Resonanz zu
gelangen, bei höchster Individualität des Klangs und
wirklichem Vokalausgleich.
Eine besondere Rolle spielt dabei der Urvokal «ы»
(kyrillisch), der in vielen Sprachen noch als Halb- oder
Vollvokal existiert (z.B. im Russischen, Polnischen,
Rumänischen, Bulgarischen und Türkischen) und über den
gesamten harten Gaumen quasi stufenlos verstellbar mit der
Zunge gebildet werden kann (unterschiedliche
Resonanzstellen).
Computer-spintomographische Untersuchungen ergaben nämlich,
dass bei dem Vorhandensein des «ы» als Kern jeden Vokals,
der jeweilige erzeugte Ton/Klang ein optimales
Obertonspektrum besitzt, die Register perfekt gemischt
werden können und das Passaggio keine Probleme mehr
bereitet. Auch kommt es bei richtigem Einsatz des «ы» zu
einem ausgeglichenen idealen, klangveredelnden Vibrato
(acht Schwingungen pro Sekunde) durch alle drei
Stimmregister.
Peter Gougaloff erreichte mit seinen speziell entwickelten
Vokalübungen dieses ständige Vorhandensein des «ы» durch
Zungenimpulse (siehe Schaubild). Mittels dieser Technik
können alle Vokale ohne Klang-(Oberton-)verlust frei in der
Maske schwingen. Das Ergebnis ist eine ausgeglichene, mit
großer Leichtigkeit und dennoch voller Resonanz (Sonorität)
schwingende individuelle Gesangsstimme mit herausragender
Tragfähigkeit.
Durch den perfekten Vordersitz, der durch diese
Zungentechnik mit Hilfe der Gegenkraft erreicht wird, wird
die Artikulation der Konsonanten enorm erleichtert. Kein
manieriertes «Spucken» (wie oft sehr unschön z.B. beim «t»
zu hören) und Übertreiben ist nötig, um textverständlich
singen zu können. Es kommt zu einem Ineinandergreifen von
Vokal und Konsonant ohne Luftdruckverstärkung auf einzelnen
Konsonanten, was zu einer angenehmen Natürlichkeit der
Artikulation führt und neue Farbigkeit der Interpretation
zulässt.3
Das «ы» ermöglicht darüberhinaus auf physiologisch perfekte
Weise den für die Gesundheit der Gesangstimme so
unverzichtbaren weichen Stimmeinsatz durch alle drei
Register. Einem frühzeitigen Altern der Stimme wird so
effektiv entgegengewirkt und die Arbeit am klingenden auf
Forteposition gebildeten Piano wird zum Labsal.
Verena Rein
1
Zitat aus dem Artikel „Die Gefahren einer flachen oder nach
hinten gezogenen Zunge“ von David Jones, 2000.
2 Zitat aus dem Artikel „Die Gefahren einer flachen oder
nach hinten gezogenen Zunge“ von David Jones, 2000
3 Leider wird ja besonders im sogenannten deutschen
Liedgesang immer noch auf sehr manierierte Artikulation mit
mattem Vokalklang (oberton- und schwingungsarm: «hupender»
Ton) wert gelegt. Hier ist es aus musikalisch-ästhetischer
Sicht, aber besonders für die Gesundheit der Singstimme
dringend an der Zeit, alte Hörgewohnheiten und starre
Interpretationsvorschriften abzulegen!




